Gaarden, mehr als ein Stadtteil

aber hier ist es anders, hier ist gar nichts egal, hier ist es ganz besonders gleich wie überall…

Anlässlich eines Mordes am 7. Januar 2011 und des daraufhin veröffentlichten Demonstrationsaufrufes durch den Asta der Kieler Uni, den Kreisverband Kiel der Linken und der Heinrich Böll Stiftung Schleswig-Holstein, veröffentlichten einige Anwohner_innen Gaardens ihrerseits ein Flugblatt1 unter der Überschrift: „Die Kieler Nachrichten, der AStA, ‚Die Linke’ und der ‚Kieler Bandenterror’“

In diesen Flugblatt werden einige richtige Beobachtungen gemacht: Erst einmal ist es verwunderlich, das zu sonst auch stattfindenden Morden zwar das lokale Klatschblatt KN berichtet, es aber sonst keine öffentlich artikulierte Entrüstung, schon gar nicht in Form einer Demonstration, über das Vorgefallene gibt. Auch spricht der Demonstrationsaufruf mit seiner Wortwahl wie: „Bandenterror“, „Ehrenmord“ und „blutigen Racheakten“ vorhandene rassistische Vorurteile an. Soweit ist der Analyse und des Demoaufrufes, durch die Anwohner_innen Gaardens zuzustimmen, die die folgende Position des Demoaufrufes kritisiert:

Das Gewalt nicht in oder gar durch „unsere“ deutsche Gesellschaft entstehe, sondern von außen komme. Genauso formulieren es denn auch die VeranstalterInnen der Demo mit den Worten, solch eine Tat sei „in keiner Form zu rechtfertigen“ (welch Feststellung!) und habe „überhaupt keinen Platz in unserer Gesellschaft“. 2

Gaarden, mehr als ein Stadtteil?

Die Studierenden stehen exemplarisch für eine vor allem auf dem Westufer anzutreffende Szene, die kein Problem mit Ein-Euro-ZwangsarbeiterInnen hat, die z.B. den Campus reinigen müssen, oder den vielen Geringverdienenden, die in der Gastronomie ausgebeutet werden, so lange sie die damit einhergehenden sozialen Probleme nicht sehen müssen – der Kieler Förde sei dank.2

Das es Menschen, und darunter auch solche die studieren, gibt, die mit Hartz4 und den damit verbundenen Zwängen sowie mit dem Auskommen von Geringverdienenden kein Problem haben, stimmt. Menschen mit solchen Positionen wird es aber auch zu genüge in Gaarden geben – die überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit und die Beliebtheit des Stadtteils bei sich als links identifizierenden Menschen mag dazu führen, dass es hier weniger sind als in anderen Stadtteilen, die angedeutete Dichotomie: gutes Gaarden – böses Westufer wird damit aber nicht richtiger. Nicht wenige Studierende dürften ziemlich genau wissen, was es bedeutet, geringverdienend zu sein – nicht jede_r bekommt Bafög, oder hat reiche (und zahlungswillige) Eltern und auch in Nicht-Gaarden gibt es wahrnehmbare Armut. Dadurch, dass Studierende exemplarisch für etwas gesehen werden, bleibt eine weitere und in meinen Augen nötige Differenzierung und Analyse aus.

In der radikalen Linken, und dort ist das Flugblatt wohl zu verordnen, sollten Kollektividentitäten kritisiert werden – und anhand des Beispieles des Demonstrationsaufrufes, in den die gute deutsche Gesellschaft sich gegen von außen kommende Gefahren verteidigt – gelingt dies auch. Dann wird jedoch eine eigene Identität aufgemacht, die zwar noch nicht von außen bedroht wird, wobei es an anderer Stelle schon erste Aufregung über Gentrification gibt (was in einem „linken“ Stadtteil ja auch nicht fehlen darf). Das „Wir“ der Gaardener_Innen aber ist schon konstruiert und scheint auch besser als der Rest zu sein.

Der Hang sich in und über Kollektividentitäten zu verordnen, ist auch innerhalb der radikalen Linken vorhanden, was im Grunde auch nicht weiter verwunderlich ist – da diese eben nicht frei von Einflüssen der Gesellschaft ist. Diese Identitäten können räumlich verordnet sein, im vorliegenden Fall etwa Gaarden, müssen dies aber nicht. Die Selbstverortung in einer ideologischen Strömung, etwa als Antideutsche_r, Antiimperialist_in, Undogmatische_r Linke_r usw. beinhaltet auch die Konstruktion eines Wir. Diese Wir-Konstruktionen gelingen durch das Herausstellen von Differenzen zu anderen, tatsächlich vorhandenen oder vermeidlichen, Gruppen, einhergehend mit ihrer Ablehnung. Im Beispiel des Demonstrationsaufrufes ist es die Konstruktion der deutschen Gesellschaft, in der es im Gegensatz zur migrantischen keinen Bandenterror, Ehrenmorde, blutige Racheakte gebe. Im Falle des Flugblattes einiger Anwohner_innen konstituiert sich das Wir dann wohl erst einmal aus dem Wohnen in Gaarden, welches dann anscheinend Einstellungen mit sich bringe, etwa die Ablehnung von Hartz4, die Gaardener_innen dann vor allem von Studierenden unterscheiden sollen.
Wir-Konstruktionen sind zu kritisieren, weil sie über die Pauschalisierung von Menschen funktionieren – Menschen werden hier leichtfertig Merkmale aufgrund einer angenommenen oder vorhandenen Gruppenzugehörigkeit zugeteilt und auf diese Gruppenzugehörigkeit reduziert, oft einhergehend mit einer Abwertung. Es wäre schön, wenn Linksradikale zumindest über ihre Verhaftung in solchen Kollektividentitäten nachdenken, anstelle sie zu reproduzieren.

Nachtrag: weitere Kritik an den Flugblatt und antworten darauf sind hier zu finden.

  1. Auf den Blog: Gaarden Notizen Passenderweise unter den Dateinamen „fuck the west“ zu finden: .pdf[zurück]
  2. Zitat aus den Flugblatt „fuck the west“ [zurück]

Horror als Alltag

Horror als Alltag - so heißt eine Sammelband zur TV-Serie „Buffy – the Vampire Slayer“, der 2010 im Verbrecher Verlag erschienen ist. Das Buch beschäftigt sich in zehn Artikeln und einer Abbildung mit der Serie. Das ganze geschieht unter folgender Prämisse: Herrschaftliche Strukturen erhalten in der Serie ein Gesicht, das von Vampiren und Dämonen, in das geschlagen werden kann und auch wird. Die Texte basieren teilweise auf einer Veranstaltung, die die Gruppe [pærɪs], zum selben Thema veranstaltet hat, wobei sich im Vorwort hierzu nichts findet.

Erwähnt sei an dieser Stelle vielleicht noch, das die tiefergehende Beschäftigung mit Buffy gar nicht so selten ist. Unter den Namen Buffy Studies wird sich, vor allem in den USA, mit der Serie beschäftigt. Es gibt sogar eine regelmässig erscheinendes Online Journal zu dem Thema.

Der erste Text, auf den ich noch detaillierter eingehen werde, ist: Wozu Vampire? von Annika Beckmann und Heide Lutosch. In ihm beschäftigen die beiden Autorinnen sich mit der Funktion, die Dämonen und Vampire in Buffy haben und damit auch mit der Frage, um was es in der Serie geht. Denn weder sind Dämonen und Vampire sonderlich gruselig, noch dienen Vampire in Buffy, wie sonst im Vampirgenre üblich, als Metapher für Verdrängtes, Inneres und Subjektives.

Die weiteren Texte setzen sich mit unterschiedlichen Themen auseinander, so beschäftigt sich Lars Quadfasel im zweiten Text Frankfurt School, Sunnydale High mit der Frage, wie das Fernsehen als eines der ideologistischen Medien schlechthin so ein gelungene Serie wie Buffy hervorbringen kann. Ebenso mit Ideologie beschäftigt sich auch der Text Ideologie, Magie und Praxis in Buffy the Vampire Slayer von Birgit Ziener.

Dietmar Dath beschäftigt sich in seinem Text Versuch, Restless zu verstehen mit der Episode Restless, auf die sich auch in einigen Texten des Bandes bezogen wird. Der Text fällt etwas aus der Rolle, nicht nur weil er sich nur mit einer Episode beschäftigt, auch ist der Stil weitaus weniger akademisch (was keinesfalls schlecht sein muss). Dath nähert sich der Episode damit an, festzustellen, wie er es nicht machen will, um es dann aber bis zu einen gewissen Grad doch zu tun – was zumindest mir nach den ersten Lesen weniger gefällt. Etwas komisch wirkt auch die Erwähnung seiner Audienz bei Josh Weadon.

Carmen Dehnert setzt sich in I’m Under Your Spell mit der Beziehung von Tara und Willow auseinander – immerhin das erste lesbische Paar im amerikanischen Prime-Time-TV. Schließlich zeigen Lars Quadfasel und Carmen Dehnertnoch in Der Chip, die Seele und das Surplus des Begehrens, wie die Serie an Spike und Angel die Widersprüchlichkeit bürgerlicher Subjektivität und Sexualität entwickelt, wobei sie sich hierzu insbesondere auf Jacques Lacan beziehen.

Die drei drauf folgenden Texte haben direkt erst einmal weniger mit der TV-Serie zu tun, sie beschäftigten sich mit den unterschiedlichen Folgeprodukten auseinander. Im Fall von Oliver Jelinski’s The End of Magicks mit der 8. Staffel, die in Form von Comics verlegt wird. Mit der Spin-Off Serie Angel setzen sich einmal Jasper Nicolaisen und Jakob Schmidt in Arbeit, Freiheit, Elend auseinander – sie meinen, die Serie zeigt das wirkliche Elend von Menschen, die im Gegensatz zu Buffy Emanzipation und Handlungsfähigkeit nicht auf die Reihe bekommen. Den gegenüber steht der Text Jeden Tag eine gute Tat von Ruth Hatlapa, die in Angel die schlichte Zerstörung des Ideals der Emanzipation sieht.

Horror als Alltag Inhaltsverzeichniss

Wozu Vampire?

Wie schon erwähnt, lassen sich die Monster in Buffy als Ausdruck von Herrschaftsstrukturen verstehen. Ein Umstand, der zumindest teilweise erklärt warum sich – im weiteren Sinne – „Linke“ Autor_innen so ausgiebig damit beschäftigen.

„Sind Buffy, Xander und Willow also linke Gesellschaftskritiker, die wie ein Teil ihrer deutschen Fans in einer der vielen sich ständig wandelnden, ständig kurz vor der Auflösung stehenden Kleingruppen organisiert sind? Allein die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes könnte zu solcher Interpretation verleiten, auch ähnelt Buffys Umgebung der Gesellschaft, in der die linksradikalen Zuschauer leben, nicht wenig. Es gibt in ihr Geld, Arbeit, Regierungen, Männer, die Kellnerinnen auf den Hinter schlagen, Schule, Militär und angsteinflößende Angeberzicken, die ihre Mitschülerinnen und Mitschüler nach selbst gebastelten Coolnesskriterien in »geht« und »geht nicht« unterteilen“

Wobei sie die Umgebung nur ähnelt, wie wenig später auch die Autor_innen feststellen, wird die Gesellschaft in der Serie ist keineswegs realistisch dargestellt. In der Serie spielen Arbeit, Geld, Rassismus, Sexismus und einige weitere Übel anscheinend erst einmal keine tiefergehende Rolle.

Und auch der Frage nach der Funktion der Monster wird beantwortet:

„ Im ‚zum Empire fortschreitenden(n) Kapitalismus(…) sind alle Menschen Fremde, und jeder in der Lage, dem anderen zum Monster zu werden. Das Normale verliert seine Verlässlichkeit, und das Unheimliche kann nicht mehr, wie an den Kaminfeuern des achtzehnten Jahrhunderts, panisch-genüsslich beschworen werden. Es überall‘ “ und weiter „ Ist es also das? Die Monster stehen für die Übel des Kapitalismus? Die Antwort muss lauten: »Ja Klar!«“ Wobei diese Interpretation aber noch spezifiziert wird „»Die Vampire in Buffy stehen für die Zumutungen der bürgerlichen Gesellschaft« (…) Für all den Kram eben, der hier und heute Autonomie unterminiert, für das, was permanenten Stress verursacht, für das, was einen zunehmend von sich selbst und von den Freunden entfremdet, für das, was einen trennt von der zuversichtlichen Anspruchshaltung, mit der man einmal auf sein eigenes Leben losgegangen ist, von der Ehrlichkeit, die man gesucht hat, für das, was einen so schrecklich ruiniert: Konkurrenz und Kleinfamilie, Patriarchat und Militär, Arbeit und Anpassungsdruck“.

Hierzu passt dann es auch, dass die meisten Charaktere in der Serie die Monster verdrängen und gleichzeitig als etwas normales, unabänderliches hinnehmen. Ähnlich also wie mit Auswirkungen des Kapitalismus verfahren wird: Etwa die Konkurrenzsituation, in der sich Menschen untereinander befinden, die als den Menschen innewohnend gesetzt wird.

Wobei es aber auch frühe Episoden gibt, wo es nicht Dämonen oder Vampire sind, die den Alltag der Scoobys zerstören. Etwa die Episode Out of Mind, Out of Sight (S1E11), wo eine Mitschülerin durch das nicht beachtet Werden unsichtbar wird und sich an populäreren Schüler_innen rächt. Oder die Fischmonster in der Episode Go Fish (S2E20), die die Folge eines Dopingmittels sind, das Fisch-DNA enthält, welches aufgrund des Erfolgsdrucks, der auf den Schwimmteam der Schule bzw. seines Coaches lastet, verwendet wird. In diesen beiden Episoden ist es der sonst gegen die Bedrohung durch Monster verteidigte Alltag, der die Monster hervorbringt.

Das sich eine Trennung zwischen den Übeln der bürgerlichen Gesellschaft und den Alltagsleben der Protagonisten nicht durchhalten lässt, gilt noch vielmehr für die 6. Staffel „ Der Schrecken der Wirklichkeit, das, was den Protagonisten ans Leben und an die ersehnte Normalität will, steht ihnen nun nicht mehr als äußere und objektive Gefahr gegenüber, der sie sich mit voller Kraft entgegenstellen können. Erwachsenwerden heißt hier: diese Kraft zu verlieren. Dass der Schrecken in Staffel 6 vor allem als subjektiv erscheint, ist das Resultat dieser Niederlage“

Chaos Congress C-Side: The Geek Insurrection – Audiomitschnitte

Hier sind die Mitschnitte der Vorträge der Geek Insurrection :

Mspro: Queryology

Classless : It’s leaking everywhere! Buckets and diapers for the incontinent system? Why Transparency and The Truth™ won’t make you free

Dimitri Kleiner: P2P Communism Vs The Client Server State – the political economy of network topologies
Zugehörige Präsentation

Ellen Dudley: Designing electronics as social objects

Alle Mitschnitte gibt es auch noch als Archive .Rar bzw. .Zip

Der Volksmops

Beim Aufräumen der Festplatte gefunden:

Der Volksmops

Zuckermann, Nachtrag

Auf den Blog Schlamassel gibt es ebenfalls ein Bericht über eine Zuckermann Veranstaltung, weniger über das Buch, als über was die die Besucher_innen seiner Veranstaltungen den so beschäftigt:

Wenn ich heute an der Supermarktkasse stehe und nehme mir ganz bewusst Obst aus Israel mit und gebe sie dann an der Kasse zurück und sage dann ganz laut, dass es die Schlange hört: Solange Israel seine Besatzungspolitk aufrecht erhält, kaufe ich keine israelischen Waren! Da schauen mich die Leute oft blöd an, aber ich denke auch, es macht manche nachdenklich