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Benedikt vs. Torsun

Folgende Pressemitteilung wanderte heute durch diverse Zeitungen:
Papst Benedikt XVI. hat das Leben nach dem Lustprinzip verurteilt. Zu den Schwierigkeiten und Behinderungen des Glaubens zählten heutzutage solche Lebensmodelle, „die den Geist verdunkeln und jede Sittlichkeit auszuschalten drohen“ Benedikt wandte sich in seiner Messe strikt gegen die Sicht, „wonach der Schatz des Menschen nicht sein Glaube sei, sondern seine persönliche und soziale Macht, seine Intelligenz, seine Kultur und seine Fähigkeit, die Wirklichkeit wissenschaftlich, technologisch und sozial zu manipulieren

Na dann doch lieber:

Diss ist ein Wort mit vier Buchstaben

Hat im Gegensatz zu Marx aber immerhin zwei Bedeutungen – zu Marx gab bzw. gibt es in jüngster Zeit einige Konferenzen in Berlin: zum einen „Marx is muss“ von 2. bis 5. Juni mit allerlei Linkspartei-Personal und, umso erstaunlicher, recht hohen Eintrittspreisen, dann noch „Re-thinking Marx“ vom 20.-22. Mai an der Humboldt Universität Berlin und „Jenseits des Wachstums?!“ ebenfalls vom 20.-22. Mai an der Technischen Universität Berlin.

Es trägt wohl doch nicht beinahe jede Konferenz über Marx die „notorische Vorsilbe „Re“ im Titel, wie Christiane Ketteler in der Jungle World postuliert. Und das obwohl eine Aktualisierung des Marxismus nun doch deutlich sinnvoller erscheint, als das gebetsmühlenartige Herunterbeten seiner Schriften – etwa von Teilen der Linkspartei oder der SDAJ/DKP betrieben.

Die „Re-Thinking Marx“-Konferenz war überraschend gut besucht, größtenteils wohl von Studierenden – die Räumlichkeiten der Humboldt Universität waren dem Andrang leider nicht immer gewachsen, wobei schlimmer als ein eventuelles Auf-dem-Boden-Sitzen sicherlich die Raumtemperatur war. Ein Bericht über einige der Vorträge gibt es hier, desweiteren gibt es hier noch einige Artikel.

Sowohl taz als auch Jungle World kritisieren in etwas unterschiedlicher Form den kaum vorhandenen Raum für Diskussionen und die Konzentriertheit des Programms auf ein Wochenende. Beide Punkte haben sicherlich ihre Berechtigung – das gesamte Programm mitzunehmen grenzte ans Unmögliche. Anderseits sind auch Vortragende und weitaus stärker noch die meisten Besucher_innen Zwängen unterworfen, eben am Montag wieder im Hörsaal, Seminarraum, oder am Arbeitsplatz zu sein. Das Programm war aber auch so voneinander losgelöst, dass es nicht notwendig war, alles mitzunehmen – und sich mensch stattdessen je nach Intressenlage und Aufnahmefähigkeit Vorträge raussuchen konnte.

Hätte das Publikum stärker mit diskutieren sollen, hätte die Veranstaltung wohl grundsätzlich anders aufgezogen werden müssen – mit Anmeldung, Eintritt und begrenzter Teilnehmer_innenanzahl, sowie vorher veröffentlichten Papern. Das durch die Struktur der Veranstaltung Diskussionen häufig stark erschwert werden, ist übrigens nicht nur ein Phänomen von akademischen, sondern lässt sich auch auf den meisten vom Selbstverständnis her „linken“ Veranstaltungen beobachten. So ersetzen die Vorträge eben nicht die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema, zeigten aber Ideen auf, in welche Richtung diese ablaufen könnte – zumindest bei mir wollte sich die „Lust am Denken“ nicht austreiben lassen. Gut gefunden hätte ich ein stärkere Zuspitzung von Differenzen auf dem Podium durch die Moderation und die Referent_innen – wie etwa zwischen Honneth und Postone. Hier wurden auf meiner Meinung nach unterhaltsame Art noch einmal Gegensätze verdeutlicht.

Auf der einen Seite wird, auch von der Jungle World zurecht eine weit verbreitete Theorielosigkeit innerhalb der „Linken“ kritisiert, anderseits dann die Konferenz – deren Publikum zumindest nach oberflächlichen Einschätzungen auch nicht unerheblich aus sich „links“ verstehenden Personen bestand, auch noch dafür verantwortlich gemacht, da dem Publikum ja jetzt die „Lust zum Denken“ abhandengekommen ist. Eine genauere Begründung, warum dies passiert sei, bleibt aber aus. Anstelle, das die Autor_In dies darlegt lässt sie Hannes aus Halle und einige andere zu Wort kommen, die aus unterschiedlichen Gründen mit einzelnen Vorträgen oder der kompletten Konferenz unzufrieden waren. Es ist ebenso leicht, wie wenig gewinnbringend, dem gegenüber die Einschätzung von anderen Besucher_innen zu stellen, die die Konferenz insgesamt gelungen fanden.

Zur Kritik von taz und Jungle World, das viele der Vorträge nicht frei vorgetragen sondern abgelesen worden sind, will ich eigentlich gar nichts mehr sagen. Anscheinend ist die Entfernung zum kritisierten universitären Betrieb gar nicht so groß, wenn „nicht frei gesprochen“ schon als Kritikpunkt angeführt wird.

Nachtrag: Ein Audio Interview mit den Organisator_innen gibt es hier

Eulen nach Athen tragen

So sinnlos es vermutlich ist, sich über die linksliberale taz aufzuregen, so gibt es doch Artikel, die es provozieren. So jüngst in der „Deutschland taz“, einer 24-seitigen Sonderausgabe zum Thema Deutschsein und Migration, für die sich die taz externe Schreiber_innen eingeladen hat – interviewt wurden unter anderen Thilo Sarrazin und Erika Steinbach. Das Interview mit Sarrazin bürgt gleich doppeltes Skandalpotenzial, da es von Henryk M. Broder durchgeführt worden ist – eine Person die vielen taz Leser_innen ebenso ungeliebt sein dürfte wie Sarrazin.

Bemerkenswert ist auch der Artikel „Drei Farben Deutschland“ von Feridun Zaimoglu, der eher in Elsässers neues Magazin Compact, als in die taz zu passen scheint – vielleicht wird hier rechtzeitig auf die drohende Konkurrenz von rechts reagiert.

In seinem Artikel trägt der, etwa von der Zeit als Salonlinker titulierte und von den Grünen Schleswig-Holsteins in die Bundesversammlung geschickte, Autor vor, dass Linke und auch Migrant_innen eine „falsche Scheu vor der Liebe zu Land und Leuten1“ haben und „Wieso es gut ist, die Heimat zu lieben“. Weiter geht es mit dem Abgefeier auf die Flagge, die eben kein „Fetzen Stoff“ sei, sondern „Melancholie, Herzblut und Glut“ und freimütig gibt der Autor zu „Ich bekenne mich zu diesem, meinem Land. Ich gehe sogar weiter und sage: Ich liebe es.“

Gerechtfertigt scheint dann auch der im Artikel aufgebrachte Vorwurf gegen den Autor, „links anzutäuschen und rechts zu schlagen.“ Mit dem selbst aufgebrachten Vorwurf setzt sich der Autor dann wie folgt auseinander:

„Mit dem Einschüchterungspatriotismus der Konservativen und Rechten hat die Heimatliebe nichts gemein. Ihre vaterländische Gesinnung ist Pathos und Schwulst. Meine Heimatliebe meint die einfachen Menschen des einfachen Volkes, meint ihre über die Zeiten gewachsenen Sitten und Gebräuche. Ich begreife die deutsche Geschichte als die Gesamtheit ihrer Geschichten.“

Abgesehen davon, das sich die Frage stellt, wo den bitte links angetäuscht wird, ist auch die versuchte Konstruktion eines Unterschiedes zwischen der Heimatliebe und dem rechten Patriotismus unbrauchbar. Seine Vorliebe für die „einfachen Menschen von einfachen Volk“ wird sicherlich von vielen Rechtsradikalen geteilt und auch „über die Zeiten gewachsene Sitten und Gebräuche“ finden eine hohe Wertschätzung unter Rechtsradikalen.


Auch hier sind über die Zeiten gewachsene Sitten und Bräuche wichtig – Lager der Heimattreuen Deutschen Jugend

Der Artikel zieht sich noch eine Weile, um dann mit „Drei Farben Deutschland – unsere Wirklichkeit. Gott schütze mein deutsches Land und seine Menschen.“ abzuschließen.

Interessant ist auch, was der Autor in Interviews über seine politische Einstellung verlautbaren lässt, die weiter in Frage stellen, wo er den bitte noch links antäuschen würde:

…Aber eins vergesse ich auch nicht: Ich gehöre der Gegenaufklärung an. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung. Und wenn ich diese armen Seelen im Fegefeuer der Aufklärung sehe, finde ich das mindestens sehr bedauernswert.2

und weiter:

„Ich bin nicht geneigt, wie man aus dem Gesagten schon heraushört, den Pinschern der Moderne irgendeine Leistung zuzubilligen. Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht. Sie haben die Träume zerstört. Sie haben versucht, den Glauben zu zerstören. Einige haben Gott für verrückt erklärt, sind aber selber verrückt geworden. (lacht) Wie kommt denn das nur? (lacht) Sie haben also versucht, ein riesiges Loch mit Bildern zu füllen. Es sind aber künstliche Bilder, nicht jene Traumbilder, nicht jene magischen Bilder, nicht die Glaubensextrakte, die seit Bestehen des Menschen, seit seiner Erschaffung Bestand haben. Wenn ich sage, die Liebe ist hochreaktionär, dann ist das eine ganz bestimmte Erfasstheit von einer Trauer, die wir nie loswerden können, solange wir leben, aber auch von großer Freude, von Auf- und Abschwüngen. Mich interessiert nur die Liebe zwischen Mann und Frau, alles andere finde ich uninteressant. In der Liebe zwischen Mann und Frau ist ja nur ein einziger gemeint. Ausschließlichkeit und Ausschluss spielt eine große Rolle in der Liebe. Wenn das nicht reaktionär ist – und ich meine das Wort reaktionär positiv – dann weiß ich nicht, was sonst reaktionär sein soll.“2

Es ist schon bemerkenswert, das Menschen mit solchen Ansichten diese in einer ihrem Selbstverständnis nach linken Zeitung – redaktionell nicht weiter kommentiert – ausbreiten dürfen. Kants weitesgehend akzeptierter Definition nach, ist die Aufklärung verkürzt: der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit – Gegenaufklärung müsste demnach das Ziel haben Menschen in ihrer Unmündigkeit zu halten. Zaimoglu macht dann auch deutlich was er vor der Aufklärung verteidigen will: den Glauben an Gott der den Menschen erschaffen und mit „magischen Bildern“ ausgestattet hat, diese vorgegebenen Bilder reglementieren dann auch die Liebe zwischen Mann und Frau. Und die von Zaimoglu dargelegte Idealvorstellung von der Liebe ist in der tat reaktionär,

  1. Alle Kursiv gesetzten Zitate, wenn nicht anders angegeben aus:http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/drei-farben-deutschland/ [zurück]
  2. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung http://erenguevercin.wordpress.com/2008/09/29/ich-bin-kein-anhanger-der-aufklarung/ [zurück]