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Eulen nach Athen tragen

So sinnlos es vermutlich ist, sich über die linksliberale taz aufzuregen, so gibt es doch Artikel, die es provozieren. So jüngst in der „Deutschland taz“, einer 24-seitigen Sonderausgabe zum Thema Deutschsein und Migration, für die sich die taz externe Schreiber_innen eingeladen hat – interviewt wurden unter anderen Thilo Sarrazin und Erika Steinbach. Das Interview mit Sarrazin bürgt gleich doppeltes Skandalpotenzial, da es von Henryk M. Broder durchgeführt worden ist – eine Person die vielen taz Leser_innen ebenso ungeliebt sein dürfte wie Sarrazin.

Bemerkenswert ist auch der Artikel „Drei Farben Deutschland“ von Feridun Zaimoglu, der eher in Elsässers neues Magazin Compact, als in die taz zu passen scheint – vielleicht wird hier rechtzeitig auf die drohende Konkurrenz von rechts reagiert.

In seinem Artikel trägt der, etwa von der Zeit als Salonlinker titulierte und von den Grünen Schleswig-Holsteins in die Bundesversammlung geschickte, Autor vor, dass Linke und auch Migrant_innen eine „falsche Scheu vor der Liebe zu Land und Leuten1“ haben und „Wieso es gut ist, die Heimat zu lieben“. Weiter geht es mit dem Abgefeier auf die Flagge, die eben kein „Fetzen Stoff“ sei, sondern „Melancholie, Herzblut und Glut“ und freimütig gibt der Autor zu „Ich bekenne mich zu diesem, meinem Land. Ich gehe sogar weiter und sage: Ich liebe es.“

Gerechtfertigt scheint dann auch der im Artikel aufgebrachte Vorwurf gegen den Autor, „links anzutäuschen und rechts zu schlagen.“ Mit dem selbst aufgebrachten Vorwurf setzt sich der Autor dann wie folgt auseinander:

„Mit dem Einschüchterungspatriotismus der Konservativen und Rechten hat die Heimatliebe nichts gemein. Ihre vaterländische Gesinnung ist Pathos und Schwulst. Meine Heimatliebe meint die einfachen Menschen des einfachen Volkes, meint ihre über die Zeiten gewachsenen Sitten und Gebräuche. Ich begreife die deutsche Geschichte als die Gesamtheit ihrer Geschichten.“

Abgesehen davon, das sich die Frage stellt, wo den bitte links angetäuscht wird, ist auch die versuchte Konstruktion eines Unterschiedes zwischen der Heimatliebe und dem rechten Patriotismus unbrauchbar. Seine Vorliebe für die „einfachen Menschen von einfachen Volk“ wird sicherlich von vielen Rechtsradikalen geteilt und auch „über die Zeiten gewachsene Sitten und Gebräuche“ finden eine hohe Wertschätzung unter Rechtsradikalen.


Auch hier sind über die Zeiten gewachsene Sitten und Bräuche wichtig – Lager der Heimattreuen Deutschen Jugend

Der Artikel zieht sich noch eine Weile, um dann mit „Drei Farben Deutschland – unsere Wirklichkeit. Gott schütze mein deutsches Land und seine Menschen.“ abzuschließen.

Interessant ist auch, was der Autor in Interviews über seine politische Einstellung verlautbaren lässt, die weiter in Frage stellen, wo er den bitte noch links antäuschen würde:

…Aber eins vergesse ich auch nicht: Ich gehöre der Gegenaufklärung an. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung. Und wenn ich diese armen Seelen im Fegefeuer der Aufklärung sehe, finde ich das mindestens sehr bedauernswert.2

und weiter:

„Ich bin nicht geneigt, wie man aus dem Gesagten schon heraushört, den Pinschern der Moderne irgendeine Leistung zuzubilligen. Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht. Sie haben die Träume zerstört. Sie haben versucht, den Glauben zu zerstören. Einige haben Gott für verrückt erklärt, sind aber selber verrückt geworden. (lacht) Wie kommt denn das nur? (lacht) Sie haben also versucht, ein riesiges Loch mit Bildern zu füllen. Es sind aber künstliche Bilder, nicht jene Traumbilder, nicht jene magischen Bilder, nicht die Glaubensextrakte, die seit Bestehen des Menschen, seit seiner Erschaffung Bestand haben. Wenn ich sage, die Liebe ist hochreaktionär, dann ist das eine ganz bestimmte Erfasstheit von einer Trauer, die wir nie loswerden können, solange wir leben, aber auch von großer Freude, von Auf- und Abschwüngen. Mich interessiert nur die Liebe zwischen Mann und Frau, alles andere finde ich uninteressant. In der Liebe zwischen Mann und Frau ist ja nur ein einziger gemeint. Ausschließlichkeit und Ausschluss spielt eine große Rolle in der Liebe. Wenn das nicht reaktionär ist – und ich meine das Wort reaktionär positiv – dann weiß ich nicht, was sonst reaktionär sein soll.“2

Es ist schon bemerkenswert, das Menschen mit solchen Ansichten diese in einer ihrem Selbstverständnis nach linken Zeitung – redaktionell nicht weiter kommentiert – ausbreiten dürfen. Kants weitesgehend akzeptierter Definition nach, ist die Aufklärung verkürzt: der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit – Gegenaufklärung müsste demnach das Ziel haben Menschen in ihrer Unmündigkeit zu halten. Zaimoglu macht dann auch deutlich was er vor der Aufklärung verteidigen will: den Glauben an Gott der den Menschen erschaffen und mit „magischen Bildern“ ausgestattet hat, diese vorgegebenen Bilder reglementieren dann auch die Liebe zwischen Mann und Frau. Und die von Zaimoglu dargelegte Idealvorstellung von der Liebe ist in der tat reaktionär,

  1. Alle Kursiv gesetzten Zitate, wenn nicht anders angegeben aus:http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/drei-farben-deutschland/ [zurück]
  2. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung http://erenguevercin.wordpress.com/2008/09/29/ich-bin-kein-anhanger-der-aufklarung/ [zurück]