Freunde der Subsistenzpiraterie

Es ist wieder soweit: früher noch jährlich, in der repräsentativen Fielmann-Akademie in Plön, jetzt nur noch alle zwei Jahre in Kiel, findet das Global Economic Symposium – kurz GES – statt. Das GES dürfte außer einigen Linksradikalen sowie die eigentlich von der Veranstaltung angesprochene Zielgruppe – Politiker_innen und Wirtschaftswissenschaftler_innen – eigentlich niemand kennen. Auch trotz der versuchten Werbung, etwa durch Farbbeutelwürfe , fristet das GES eine abgeschlagene Position hinter G-8 und G-20 Gipfeln, den Weltwirtschaftsforum in Davos oder der Sicherheitskonferenz in München.

Der Arbeits- und Aktionskreis kritischer Studierender hat sich die Mühe gemacht, anhand des Aufrufes der Anti-GES-Koordination herauszuarbeiten, was an der auf Gipfel zugespitzten Form der Kapitalismuskritik so fatal ist. Dies soll an dieser Stelle kurz angerissen werden:

Die Anti-GES-Koordination versteht die Tagung in Kiel als Ort der Ideologieproduktion zur Stützung des Kapitalismus:

„…Nicht nur diese kapitalistische Realität an sich, sondern auch „Problemlösungen“ solcher Art entlarven das GES als das, was es ist: Als eine Ideologiemaschinerie des Kapitalismus und das Gerede von der gerechten Variante desselben wahlweise als blanken Hohn oder naives Wunschdenken.“

Hierzu schreibt der Arbeitskreis dann richtigerweise:

„…dass Ideologieproduktion hauptsächlich vom zentralen Wirken herrschender Eliten her gedacht wird. …Ideologiekritik funktioniert in diesem Sinn dann hauptsächlich als Politik der Skandalisierung, Demaskierung eigentlicher Kapitalinteressen und Denunzierung der ‚Hauptverantwortlichen‘. Wenn im Zuge der 2009 stattfindenden Proteste der Vorsitzende des IfW während einer Podiumsdiskussion unter den Rufen „Kapitalistenschwein“ mit Eiern beworfen wurde und die damalige Protestkoordination diesen Vorfall mit dem Fazit, dass er als das, was er sei, demaskiert werden konnte, dokumentiert, dann zeugt dies von genau solch einer Vorstellung, welche eher die Suche nach einem politischen Feind anstatt die Analyse gesellschaftsbedingter Ideologieproduktion zum Ziel hat.“

Der Vollständigkeit sei aufgeführt das es mittlerweile eine Replik auf die Kritik des Arbeitskreises durch Teile der Anti-Ges-Koordination gibt – diese ist bisher aber nicht über die Zirkulation auf Mailverteilern hinaus, öffentlich gemacht worden – und entzieht sich somit einer öffentlichen Diskussion. Nachtrag der Text ist nun verfügbar.

Ein weiteres bemerkenswertes Detail des Aufrufes ist die Einschätzung zur Piraterie vor Somalia, die dort als Subsistenzpiraterie verstanden wird:

„…Passend am Militär- und Rüstungsstandort Kiel dürfte hier die Perfektionierung der Operation Atalanta, des NATO-Kriegs gegen die Subsistenz-Piraterie vor Somalia auf der Agenda stehen. Die Piraterie als naheliegende handlungsorientierte Lösung für eines der momentan krassesten Probleme der Welt und Kehr Seite des Ganzen zu betrachten – die derzeitige Hungerkatastrophe in Ostafrika, die Millionen Menschen mit dem Tod bedroht – wird den selbsternannten Expert_innen dagegen ganz sicher nicht in den Sinn kommen.“

Unter Subsistenzwirtschaft wird vor allem ein kleinbäuerliches Wirtschaften zur Selbstversorgung verstanden. In den sogenannten Entwicklungsländern mangelt es Kleinbauer_innen an Geld um ausreichend Gerät, Dünger und Land zu erwerben um Überschüsse zu produzieren, die dann an Markt verkauft werden könnten. Nun überfallen Pirat_innen Schiffe aber nicht, um den mitgeführten Proviant zu entwenden – was dann eher den Begriff Subsistenz entsprechen würde – sondern entführen die Schiffe samt Besatzung um von den Reedereien Lösegeld zu erpressen. Das Lösegeld wird dann genutzt, um am Marktgeschehen teilzuhaben, und eine Teilhabe am Marktgeschehen ist eben nicht das, was Subsistenz ausmacht.

Schon 2010 übte sich das Antimilitaristische Bündnis Kiel mittels einer Kranzniederlegung in Solidarität mit Pirat_innen. In dem die Aktion begleitenden Text wird das Handeln der Pirat_innen als Aufbau einer „Alternativökonomie“ beschrieben. Ebenso wie der Begriff Subsistenz ist „Alternativökonomie“ hier ein vermutlich positiv besetzter Begriff. Zu erklären, wo in Bandenstrukturen und Erpressung den die Alternative zur hergebrachten Ökonomie liegt, bleibt aber auch dieser Text schuldig. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Piratengruppen ebenfalls auf Ausbeutungsverhältnissen basieren. So beschreibt ein Somalischer Menschenrechtsaktivist die Piratengruppen so:

“My feeling is that maybe the warlords used these young people. They stay behind of the young people. They give the weapons, they give the small money and the boats and they say: go and kidnap the international ships in the sea.”1

Es verwundert nicht weiter, dass beide Texte kein Wort zur Gefährdung und Belastung, welche die Entführung für die Schiffsbesatzungen darstellen, verlieren. Damit wäre die Robin-Hood Projektion auf die Pirat_innen dann wohl auch nicht mehr aufrechtzuerhalten.

  1. http://reclaim-the-seas.blogspot.com/2011/10/on-young-somali-people-working-as.html [zurück]

3 Antworten auf „Freunde der Subsistenzpiraterie“


  1. 1 jodelnder jodelie 12. Oktober 2011 um 13:31 Uhr

    erste frage: war „melange“ auch auf der veranstaltung im rahmen der anti-ges-proteste ( http://geskiel.blogsport.de/termine/ )? dort wurde durchaus auf gewalt, hierarchie und sexistische herrschaftsmechanismen innerhalb der piraterie eingegangen; und im aufruf der anti-ges-koordination wird nun wirklich nicht „uneingeschränkte solidarität“ geübt;
    zweite frage: geht es im aufruf nicht eher um eine kritische auseinandersetzung mit der militärischen repression der piraterie, also der in keinem fall minder gewalttätigen antwort derjenigen die die authorität und verfügungsgewalt über die „handelswege“ für sich beanspruchen? ist nicht eher dies das thema? anstatt sich darüber auszulassen, dass „erstaunlicherweise“ in armut und gewalt aufgewachsene menschen (wir sprechen von somalia, mit afghanistan und kolumbien wohl bürgerkriegsland nr.1 auf der welt) gewalt als eine option zum lebensunterhalt ansehen?

  2. 2 melange 12. Oktober 2011 um 16:04 Uhr

    Nö ich war auf keiner Veranstaltung, das hätte ich dann einfließen lassen – aber ist ja schön das dort ein differenzierteres Bild als im Aufruf gezeichnet worden ist.

    Ich habe mich auch nicht drüber ausgelassen das Menschen aus den angesprochenen Ländern Gewalt als Option wählen, vielmehr darüber das sowohl der Anti-Ges Aufruf als auch schon zuvor der Aufruf zur Kranzniederlegung bemüht sind dies positiv zu deuten bzw. zumindest die regressiven Elemente davon auslassen.

  3. 3 Ansgar 27. Januar 2012 um 21:01 Uhr

    Es ist schier unfassbar – es gibt kein Verbrechen, mit dem nicht irgendwelche Irre sympathisieren. Vor einigen Tagen hat einer dieser Banditen einem vietnamesischen Seemann einen Arm abgeschlagen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Aber nach eurer primitiven Ideologie, man möchte fast schon sagen Religion, ist ja der „Westen“ immer an allem Schuld; alles was der „gute, edle Wilde“ tut, Notwehr und stets entschuldbar (auch eine Art des Rassismus). Pseudolinke Wickelkinder seid ihr.

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