Diss ist ein Wort mit vier Buchstaben

Hat im Gegensatz zu Marx aber immerhin zwei Bedeutungen – zu Marx gab bzw. gibt es in jüngster Zeit einige Konferenzen in Berlin: zum einen „Marx is muss“ von 2. bis 5. Juni mit allerlei Linkspartei-Personal und, umso erstaunlicher, recht hohen Eintrittspreisen, dann noch „Re-thinking Marx“ vom 20.-22. Mai an der Humboldt Universität Berlin und „Jenseits des Wachstums?!“ ebenfalls vom 20.-22. Mai an der Technischen Universität Berlin.

Es trägt wohl doch nicht beinahe jede Konferenz über Marx die „notorische Vorsilbe „Re“ im Titel, wie Christiane Ketteler in der Jungle World postuliert. Und das obwohl eine Aktualisierung des Marxismus nun doch deutlich sinnvoller erscheint, als das gebetsmühlenartige Herunterbeten seiner Schriften – etwa von Teilen der Linkspartei oder der SDAJ/DKP betrieben.

Die „Re-Thinking Marx“-Konferenz war überraschend gut besucht, größtenteils wohl von Studierenden – die Räumlichkeiten der Humboldt Universität waren dem Andrang leider nicht immer gewachsen, wobei schlimmer als ein eventuelles Auf-dem-Boden-Sitzen sicherlich die Raumtemperatur war. Ein Bericht über einige der Vorträge gibt es hier, desweiteren gibt es hier noch einige Artikel.

Sowohl taz als auch Jungle World kritisieren in etwas unterschiedlicher Form den kaum vorhandenen Raum für Diskussionen und die Konzentriertheit des Programms auf ein Wochenende. Beide Punkte haben sicherlich ihre Berechtigung – das gesamte Programm mitzunehmen grenzte ans Unmögliche. Anderseits sind auch Vortragende und weitaus stärker noch die meisten Besucher_innen Zwängen unterworfen, eben am Montag wieder im Hörsaal, Seminarraum, oder am Arbeitsplatz zu sein. Das Programm war aber auch so voneinander losgelöst, dass es nicht notwendig war, alles mitzunehmen – und sich mensch stattdessen je nach Intressenlage und Aufnahmefähigkeit Vorträge raussuchen konnte.

Hätte das Publikum stärker mit diskutieren sollen, hätte die Veranstaltung wohl grundsätzlich anders aufgezogen werden müssen – mit Anmeldung, Eintritt und begrenzter Teilnehmer_innenanzahl, sowie vorher veröffentlichten Papern. Das durch die Struktur der Veranstaltung Diskussionen häufig stark erschwert werden, ist übrigens nicht nur ein Phänomen von akademischen, sondern lässt sich auch auf den meisten vom Selbstverständnis her „linken“ Veranstaltungen beobachten. So ersetzen die Vorträge eben nicht die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema, zeigten aber Ideen auf, in welche Richtung diese ablaufen könnte – zumindest bei mir wollte sich die „Lust am Denken“ nicht austreiben lassen. Gut gefunden hätte ich ein stärkere Zuspitzung von Differenzen auf dem Podium durch die Moderation und die Referent_innen – wie etwa zwischen Honneth und Postone. Hier wurden auf meiner Meinung nach unterhaltsame Art noch einmal Gegensätze verdeutlicht.

Auf der einen Seite wird, auch von der Jungle World zurecht eine weit verbreitete Theorielosigkeit innerhalb der „Linken“ kritisiert, anderseits dann die Konferenz – deren Publikum zumindest nach oberflächlichen Einschätzungen auch nicht unerheblich aus sich „links“ verstehenden Personen bestand, auch noch dafür verantwortlich gemacht, da dem Publikum ja jetzt die „Lust zum Denken“ abhandengekommen ist. Eine genauere Begründung, warum dies passiert sei, bleibt aber aus. Anstelle, das die Autor_In dies darlegt lässt sie Hannes aus Halle und einige andere zu Wort kommen, die aus unterschiedlichen Gründen mit einzelnen Vorträgen oder der kompletten Konferenz unzufrieden waren. Es ist ebenso leicht, wie wenig gewinnbringend, dem gegenüber die Einschätzung von anderen Besucher_innen zu stellen, die die Konferenz insgesamt gelungen fanden.

Zur Kritik von taz und Jungle World, das viele der Vorträge nicht frei vorgetragen sondern abgelesen worden sind, will ich eigentlich gar nichts mehr sagen. Anscheinend ist die Entfernung zum kritisierten universitären Betrieb gar nicht so groß, wenn „nicht frei gesprochen“ schon als Kritikpunkt angeführt wird.

Nachtrag: Ein Audio Interview mit den Organisator_innen gibt es hier


2 Antworten auf „Diss ist ein Wort mit vier Buchstaben“


  1. 1 oliverrr 29. Mai 2011 um 20:58 Uhr

    Betr.: Polizei bei „Re-Thinking Marx“ nicht tolerierbar

    Es wurde beklagt, daß wieder mal nur geredet wurde. Dies trifft nicht zu:
    Der Uni-Präsident hat die Polizei geholt, als Kongreßteilnehmer anfingen,
    Flugblätter zu verteilen. Das hat viele empört.

    Mehr Informationen hierzu: http://spkpfh.de/Marx_im_Kaefig.htm

    Marx im Käfig / Milchkuh für ‚n Kongreß
    Patientenfront dagegen tätig / für die Uni Kränk und Streß

  2. 2 oliverrr 04. August 2012 um 23:12 Uhr

    Ich sehe gerade, daß es jede Menge Neuigkeiten in der Sache gibt.

    „Vor einem Jahr: Marx im Käfig – Heute: Uni-Präsident hinter Gittern? … Wir haben die Sache vom Kopf auf die Füße gestellt. Wie kam es dazu? Dank der kollektiven Kraft aus der Krankheit. Was ist das? So kann das aussehen: … “

    Hier findet man die Fortsetzung: http://spkpfh.de/Marx_im_Kaefig_Unipraesident_hinter_Gittern.htm

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