Archiv für November 2010

Antideutsche im politischen Mainstream angekommen!

Zur einer Veranstaltung von Moshe Zuckermann mit den Titel „Antisemit! – ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“ luden der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein, die SPD-Landtagsfraktion und die Landeszentrale für Politische Bildung SH in das Landeshaus Kiel. Neben Zuckermann war auch Iris Hefets von der Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost eingeladen. Hefets hatte zuletzt einen umstrittenen Artikel in der taz unter den Titel „Pilgerfahrt nach Auschwitz. Das Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden“ veröffentlicht. Umstritten nicht zuletzt, weil die Bezeichnung als Religion auf den Artikel „Der Supervatikan Zivilreligion, in der Auschwitz an die Stelle Gottes tritt“ von Thorsten Hinz in der rechtskonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit zurückgeht. Zuckermann hatte schon mehrfach mit der Tierrechts Aktion Nord (TAN) zusammen Veranstaltungen durchgeführt; über die Beteiligung der TAN an der gewalttätigen Verhinderung der Vorführung des Claude Lanzmann Films „Warum Israel“ siehe folgenden Artikel und weiterführend folgende Broschüre. Folgerichtig war dann auch Susanne Witt-Stahl, die in eben genannter Gruppierung ist, sicherlich nicht zufällig als Fotografin bei der Veranstaltung anwesend.

Der Vortrag gliederte sich in eine kurze Klärung der verwendeten Begrifflichkeiten, es folgte dann jeweils ein Abschnitt darüber, wie die Antisemitismusvorwürfe in Israel und in Deutschland als Herrschaft funktionieren sollten. Die Begriffsklärung beinhaltete den Begriff des Antisemitismus, den es tatsächlich gibt und der außer Frage bekämpfenswert ist und den (nicht gerechtfertigten) Vorwurf des Antisemitismus, der zunehmend inflationär und instrumentalisiert als Herschafsinstrument verwendet wird, so zumindest die Ansicht des Referenten. Im Anschluss folgte die obligatorische Möglichkeit Fragen zu stellen.

Als Beispiel für die Instrumentalisierung führte er eine Gleichsetzung der Umzingelung Arafats durch die IDF im Libanon mit der Umzingelung Hitlers durch die Rote Armee durch Menachem Begin und eine Aussage Scharons zur Einmischung Europas in die Politik Israels auf. Zwar mag die Gleichsetzung von Arafat mit Hitler übertrieben sein, es ändert aber nichts daran, das der von Arafat propagierte und von der PLO durchgeführte Kampf gegen die „zionistische Entität“ zweifelsohne antisemitisch war. Das Beispiel erläutertet daher nicht, wie mit ungerechtfertigten Antisemitismusvorwürfen Herrschaft betrieben wird. Die konkrete Aussage von Scharon lässt sich leider nicht belegen, weshalb an dieser Stelle auch nicht weiter auf das Beispiel eingegangen wird. Es blieb bei diesen beiden Beispielen, für weitere verwies Zuckermann auf sein Buch, auch erklärte er nicht weiter wie anhand dieser „Vorwürfe“ den nun Herrschaft vonstatten ging.

Neben den Verhältnissen in Israel beschäftige sich Zuckermann im zweiten Teil seines Vortrages auch mit denen in Deutschland und hier insbesondere mit den sogenannten Antideutschen –sicherlich sehr zur Freude der TAN, die Vorträge zum gleichen Thema für eine andere Zielgruppe anbietet. Für ihn sind die Antideutschen mit der Wiedervereinigung Deutschlands entstanden und zeichnen sich durch eine bedingungslose Solidarität mit den Jüd_innen aus – was soweit richtig ist – dies hat zur Folge, das Antideutsche für eine Bekämpfung des Islams und der arabischen Welt sind, und da die USA auch gegen den Islam sind, sind Antideutsche pro-amerikanisch und haben auch ihre anfänglich noch kommunistischen Positionen zugunsten einer Affirmation des Kapitalismus aufgegeben. Selbstverständlich sind die Antideutschen eine homogene Gruppe und mittlerweile staatstragend, passen ihre Positionen doch bestens zu den außenpolitischen Positionen der Bundesregierung, die Zuckermann an Merkels Rede in der Knesset festmachte. Jedoch zeigt etwa der unglückliche Versuch des Entwicklungsministers Niebels, entgegen die Linie der israelischen Regierung, die hohe Staatsbesuche in den Gazastreifen ob der propagandistischen Verwendung durch die Hamas ablehnt, in den Gazastreifen zu reisen, das die Bundesregierung keinesfalls eine geschlossene proisraelische Politik verfolgt. Beiträge aus den Publikum und von Hefets bekräftigten dies noch weiter, indem angebracht wurde, dass es in der deutschen Presselandschaft oder etwa an der Universität angeblich schwierig sei, israelkritische Beiträge zu veröffentlichen respektive solche Meinungen zu vertreten.